Sommerfrische

Manchmal ist es schön, über den Tellerrand zu gucken.

In Schrobenhausen. Berlin und Rom, Mallorca und Südtirol kann schließlich jeder.

Schrobenhausen liegt zwischen Augsburg und Ingolstadt und hat ungefähr 16000 gemeldete Einwohner, vielleicht 17000 mit denen, die nicht gemeldet sind, erklärt mir die nette Kulturbeauftragte am Telefon.

Die Einwohner sprechen bayrisch, was problematisch werden kann, wenn man telefonisch ein Zimmer nachfragt und kein Wort versteht.

Nicht unerwähnt lassen darf ich, dass Schrobenhausen bekannt ist für seinen Spargel. Es hat sogar ein Spargelmuseum.

Natürlich ist die Saison vorbei, aber auch so ist Schrobenhausen wunderschön. Darauf war ich nicht vorbereitet. Der Ortskern ist umgeben von einem Stadtwall mit zwölfeinhalb Stadttürmen.

Es gibt ein Flüsschen – das seltsamerweise „die Paar“ heißt – und das so langsam fließt, dass man keine Strömung sieht. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb die Bugwelle eines Tiers gesehen, das keine Ente war. Für eine Ratte schien es mir zu groß. Tatsächlich gibt es in der Paar Biber, wie mir meine Wirtin erzählte. Das seien sehr intelligente Tiere. Die jungen Biber lernten alles Überlebenswichtige , ohne dass die Eltern sich Gedanken um ihren Erziehungsstil machten:  autoritär? Laisser-faire? Alles kein Thema.

Ansonsten gibt es zwanzig Apotheken und viele Rentner. Ein Freibad, für das ich keine Zeit hatte. Und am Samstag wird der Rasen gemäht.

Habe ich erwähnt, dass der vermutliche Biber absolut tiefenentspannt wirkte, wie er da vor sich hin treidelte?

Genug der Beschreibung. Ich war zum Arbeiten da.

Vielleicht haben mich die ganzen Schriftsteller angesteckt. Sonst schreibe ich ja nicht so viel.

Mein Arbeitsplatz – chaotisch wie immer.  Ich habe meinen ersten Comic gezeichnet!

„Das Märchen der Großmutter“ aus dem Woyzek von Georg Büchner wollte ich schon lange illustrieren. Es ging aber nicht, weil es so traurig ist.

Im Kurs habe ich die hinreißenden Geschichten von Daniil Charms kennengelernt, die in Russland jedes Kind kennt, bei uns aber kaum jemand. Es gibt eine Geschichte von ihm, „Die Welt steht auf drei Walen“, die sofort an Terry Pratchett erinnert, aber eigentlich eine Kurzfassung eines alten arabischen Mythos ist.

Nun, die beiden Texte zerschnipselt und neu zusammen gesetzt, ergaben eine gute Vorlage. Zeichnen bis nachts um halb vier – Urlaub war das nicht, aber ich habe jede Minute genossen.

Daniil Charms verhungerte übrigens 1942 in Stalingrad in der psychiatrischen Abteilung eines Gefängnisses. Er hatte den Kriegsdienst verweigert und um der Exekution zu entgehen, gab er vor psychisch krank zu sein. Ebenfalls sehr traurig.

Vielen Dank an Arwed Vogel – dem Leiter der Sommerakademie – für seine Vision für uns und die tolle Organisation!

https://www.literaturprojekt.com/